Von der klassischen zur prädiktiven Pathologie

Neue Perspektiven für die vorhersehende Tumorbehandlung

Wir wissen es doch aus dem Fernsehkrimi ganz genau: Der Pathologe untersucht Gewebeproben und schon kann er genau sagen, was wann wie passiert ist. Dabei sieht die Detektivarbeit eines Pathologen in der Regel vollständig anders aus als es uns die Bilder aus den TV-Serien glauben machen wollen. Der Alltag des versierten Mediziners wird in der Regel nicht von Obduktionen oder der Aufklärung ungelöster Mordfälle bestimmt. Hinter den Kulissen eines Krankenhauses ist er vielmehr intensiv an der Diagnostik und Therapieplanung für die Patienten beteiligt. Er kann sogar voraussehen, welche Therapie bei welchem Patienten wohl wie anschlagen wird.

Sein wichtigstes diagnostisches Instrument dabei ist das Mikroskop. Mit dessen Hilfe untersucht er die Veränderungen im Gewebe, verdächtige Spuren, die eine Krankheit in den betroffenen Organen hinterlassen hat. Mit dieser medizinisch-diagnostischen Detektivarbeit unterstützt er das behandelnde Ärzteteam wesentlich bei der Aufklärung von Krankheitsursachen. So kann der Pathologe feststellen, ob ein neu entstandener Gewebsknoten gut- oder bösartig ist. Bei bösartigen Tumoren erlaubt das mikroskopische Bild genaue Aussagen dazu, welcher spezielle Krebstyp vorliegt.

Beim Menschen gibt es einige Hundert verschiedene Krebstypen, die sich in ihrer Alters- und Geschlechtsverteilung aber auch in ihrer Aggressivität und Behandlung unterscheiden. Bei der mikroskopischen Untersuchung von Gewebsproben wird zusätzlich überprüft, ob der Tumor vom Chirurgen vollständig entfernt werden konnte, und ob er bereits Tochtergeschwülste etwa in Lymphknoten abgesiedelt hat. Diese Aussagen der klassischen Pathologie steuern die Therapieplanung der behandelnden Ärzte wesentlich.

Blick in die Zukunft
In jüngster Zeit haben sich die Aussagemöglichkeiten der Pathologie durch Fortschritte der medizinischen Grundlagenforschung gerade auch in der Tumorbehandlung enorm erweitert. Dies erlaubt der modernen, prädiktiven ("vorhersagenden") Pathologie gewissermaßen einen Blick auf die Zukunft des Tumorpatienten und sein Ansprechen auf neu entwickelte Medikamente. So wissen wir heute, dass die Aggressivität bösartiger Tumoren auf ihrer Fähigkeit beruht, überall im Körper Tochtergeschwülste abzusiedeln. Hierzu muss der Tumor jedoch zunächst natürlich vorkommende Barrieren überwinden, wie sie zum Beispiel auch Gefäßwände darstellen. Erst wenn Gefäßwände durchbrochen sind, kann der Tumor sich über den Blut- oder Lymphstrom im Körper ausbreiten.

Für die Überwindung dieser Barrieren nutzt der Tumor eine Art molekularer Scheren, so genannte Proteasen. Der Pathologe kann nun in einer Tumorgewebsprobe die vorhandene Menge dieser Enzyme messen und damit in die Zukunft des Tumorpatienten schauen: Patienten, deren Tumoren hohe Konzentrationen an Proteasen aufweisen, müssen befürchten, dass ihr Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose und Operation bereits winzige Tochtergeschwülste abgesiedelt hat. Bei diesen Hochrisiko-Patienten ist eine prophylaktische Chemotherapie sinnvoll, die diese im Körper verborgenen Metastasen frühzeitig abtöten kann.

Maßgeschneiderte Therapie
Die moderne Grundlagenforschung hat auch gezeigt, dass bösartige Tumoren nicht ausschließlich aus eigenem Antrieb wachsen. Vielmehr sind viele Tumoren auf äußere Wachstumsreize angewiesen, die von antennenartigen Rezeptoren im Tumorgewebe erkannt werden und einen Wachstumsstimulus erzeugen. Solche Wachstumsreize sind zum Beispiel körpereigene Hormone wie Östrogen und Progesteron, die das Wachstum von Brustkrebs fördern, oder Wachstumsfaktoren, die von den Tumoren selbst produziert werden. Der Pathologe kann nun im Tumorgewebe überprüfen, ob solche antennenartigen Strukturen (sog. Hormon- oder Wachstumsfaktor-Rezeptoren) vorhanden sind. Nur wenn diese Antennen im Tumor nachweisbar sind, macht es Sinn, teure und nicht nebenwirkungsfreie Medikamente einzusetzen, die genau diese Rezeptoren blockieren.

"Früher hat man den Patienten einfach alles an Medikamenten und Behandlungsmöglichkeiten gegeben, was man hatte", erläutert Chefarzt Prof. Claus Dieter Gerharz die Entwicklung. Heute sind die Krebstherapien auch dank der Pathologen und ihrer Funktion als "Vorfilter" individuell zugeschnitten." Die diagnostischen Möglichkeiten der modernen prädiktiven Pathologie erlauben immer mehr eine individualisierte Tumortherapie, eine Tumorbehandlung, die für den einzelnen Patienten und seinen individuellen Tumor maßgeschneidert ist.

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